Schatzsuche auf dem Müllberg
Veröffentlicht am 15. Mrz, 2011 von CTM-Redaktion in Allgemein, Technologien
Je teurer die Rohstoffe, umso attraktiver wird das Schürfen auf Deponien, in Gebäuden und Telekomnetzen. Urban Mining nutzt die Stadt als Rohstoffquelle. Ein neuer Wirtschaftszweig entsteht
Deutschland ist ein rohstoffarmes Land. Doch an unerwarteter Stelle schlummern große, unerschlossene Lagerstätten: Auf Mülldeponien, in Gebäuden und in Infrastrukturen wie den Verkehrs-, Trink- und Abwassernetzen- sowie in Strom-, Gas- und Fernwärmenetzen. Je stärker die Rohstoffpreise steigen, umso attraktiver wird es, die städtischen Minen auszubeuten. Urban Mining nennt man das.
Der gesamte Bau- und Infrastrukturbestand einer Volkswirtschaft wird dabei als potenzielles Rohstofflager betrachtet. Die Wertstoffe sollen wieder in den Produktionsprozess zurückgeführt werden. Anders als das abfallwirtschaftliche Recycling orientiert sich Urban Mining damit deutlich stärker an einer Gesamtsystemanalyse von Rohstoffgewinnung, Produktion, Konsum und Abfallwirtschaft.
Das Potenzial ist enorm. Bereits heute ersparen Entsorgung und Recycling der deutschen Volkswirtschaft Rohstoff-Importe von rund 4,2 Milliarden Euro pro Jahr. Das Recycling von Abfällen spart rund 20 Prozent der Kosten für Metallrohstoffe und 3 Prozent der Kosten für Energieimporte. Urban Mining schützt außerdem die Umwelt: So haben Wissenschaftler im Auftrag des Naturschutzbund Deutschland errechnet, dass das Recycling unterschiedlicher Abfälle seit 1990 über 46 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart hat, ein Viertel dessen also, was ganz Deutschland seitdem an Treibhausgasen eingespart hat.
>> Infografik: Wie viele Rohstoffe liegen auf Halde?
Und noch sind bei Weitem nicht alle Potenziale von Urban Mining erschlossen. Dies hat mehrere Gründe:
- Das Bauschuttrecycling ist vom Tagesgeschäft und von den gesetzlichen Vorgaben zum Bauschuttrecycling geprägt. Strategische Aspekte der Rohstoffrückgewinnung sind bei den Akteuren nur in geringem Maße verankert. Es gibt kaum Kooperationen zwischen Recycling- und Rohstoffwirtschaft.
- Bezogen auf die Potenziale gibt es erhebliche Informationsdefizite. Zwar gibt es erste Studien, welche Materialien wo verbaut wurden. Diese Analysen konzentrieren sich aber auf die Hauptmasseströme wie Steine und Beton sowie auf Massemetalle wie Stahl und Kupfer. Über die eingesetzten Edelmetalle und seltenen Metalle weiß man jedoch recht wenig. Auch inwieweit sich der Bestand durch technische Modernisierung der Gebäude und Infrastrukturen verändert, ist bisher nicht untersucht worden.
- Bei der Bauplanung wird noch zu wenig Aufmerksamkeit auf den Einsatz von Stoffen und Materialien gelegt. Wir brauchen neue Leitbilder für das Design von Gebäuden hinsichtlich der Recyclingfähigkeit, Infrastrukturen, Wirtschaftskreisläufe und räumlicher Arbeitsteilung.
Derzeit wird in Deutschland noch kein systematisches Urban Mining betrieben, aber der Druck, diese Rohstoffquelle zu erschließen, wird weiter steigen. Wir rechnen vor allem mit einer systematischeren Suche nach sogenannten kritischen Rohstoffen, etwa nach Technologiemetallen wie Indium oder Germanium und seltenen Erden wie Lanthan oder Neodym. Hier wird die Versorgung immer unsicherer und die damit verbundenen negativen wirtschaftlichen Effekte sind besonders hoch.
Dabei besteht allerdings die Gefahr des „Rosinenpickens“: Wertvolle Metalle werden zurückgewonnen, zurück bleiben Mischabfälle, deren Entsorgung nach gesetzlichen Vorgaben mit erheblichen Kosten verbunden ist. Vor diesem Hintergrund sind integrierte, ganzheitliche Geschäftsmodelle im Urban Mining Management gefragt, die sich am Gesamtziel einer nachhaltigen Wirtschaft orientieren.
Urban Mining ist für alle Beteiligten eine Herausforderung. Dies fängt bei der Bauplanung und Stadtentwicklung an, wo es darum geht, möglichst recycling- und kreislauffähige Materialien einzusetzen. Es endet bei den auf Rückbau spezialisierten Unternehmen, die mit neuen Technologien weitere wertvolle Materialien zurückgewinnen können.
Autor: Rainer Lucas, Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
>> www.wupperinst.org

