„Wir brauchen eine Recyclingwirtschaft“

„Wir brauchen eine Recyclingwirtschaft“

Veröffentlicht am 15. Mrz, 2011 von CTM-Redaktion in Allgemein, Interviews, Technologien

Kreislauf statt Kippe. Das Cleantech Magazin sprach mit Abfall-Experte Günter Dehoust vom Öko-Institut über die Klimawirkung der Müll-Wirtschaft

Cleantech Magazin: Herr Dehoust, machen die bunten Tonnen für Papier, grünen Punkt und Bioabfall die Umwelt wirklich sauberer?

Günter Dehoust: Ja, auf jeden Fall. 1990 hat die deutsche Abfallwirtschaft das Klima noch mit knapp 38 Millionen Tonnen Treibhausgasen belastet. Inzwischen entlastet sie das Klima von 18 Millionen Tonnen – jedes Jahr. Das ist so viel wie 7,7 Millionen Fahrzeuge oder fast 20 Prozent der in Deutschland zugelassenen Pkws ausstoßen.

Wie haben Sie das berechnet?

Wir haben auf der einen Seite die Kosten, in Form der Emissionen, bilanziert, etwa für die Müllsammlung und den Sprit der Müllwagen. Dagegen haben wir die Gewinne, die Einsparungen, gerechnet: Wie viel Energie produzieren Müllverbrennungsanlagen, mit der Kohlekraftwerke ersetzt werden können. Wie viel Material muss nicht neu, mit viel Energie produziert werden, sondern kann durch Recyclingmaterial ersetzt werden.

Bringt mehr Recycling noch mehr fürs Klima?

Ja, durch mehr Recycling, eine noch bessere Verwertung sowie eine effizientere Produktion und Nutzung von Strom und Wärme in den Anlagen können bis 2020 weitere 10 Millionen Tonnen CO2 vermieden werden.

Das gilt für Deutschland. Wie sieht es insgesamt in Europa aus?

Deutschland ist einer von Europas Müllmeistern. Anders als hierzulande spielt in vielen europäischen Staaten die Deponierung von unbehandelten Abfällen noch eine große Rolle. Rund 40 Prozent der gesamten Abfallmenge werden in der Europäischen Union einfach auf die Halde gekippt.

>> Entgiftungskur per Gesetz: Deutschlands und Europas Regelwerk

Was bedeutet das fürs Klima?

Insgesamt belasten europäische Abfälle auf den Deponien das Klima jedes Jahr mit 80 Millionen Tonnen CO2.

Dagegen wird nichts unternommen?

Doch, natürlich. Es gibt ein europäisches Abfallgesetz. Die neue Abfallrahmenrichtlinie 2008 sollte bis Mitte Dezember 2010 von allen Staaten in nationales Recht umgesetzt werden. Sie enthält eine Deponieverordnung, auch wenn diese, anders als in Deutschland, die Deponierung unbehandelter Abfälle nicht komplett verbietet.

Reicht das?

Wir hätten schon deutliche Einsparungen, wenn überhaupt die geltenden Gesetze umgesetzt würden. Noch laufen aber die Übergangsfristen. Wir brauchen in ganz Europa eine Recyclingwirtschaft. Dann könnte das Klima um bis zu 100 Millionen Tonnen CO2 entlastet werden.

Ist das realistisch?

Wir gehen in die richtige Richtung. Bis man da ist, wo man sein könnte, wird es aber sicher noch 20 Jahre dauern. Das heißt aber nicht, dass in der Zwischenzeit  nichts passiert.

Was sollte stärker gefördert werden?

Die Vermeidung von Abfall. Die Produkte müssen langlebiger werden. Die Garantiezeiten sollten heraufgesetzt werden und es sollte sich wieder lohnen, Produkte zu reparieren. Wir müssen weg von der Masse der Billig- und Wegwerfprodukte. Denkbar sind auch andere Nutzungskonzepte: Leihen statt Kaufen, wie es das beispielsweise bei Carsharing schon gemacht wird, oder bei Druckern und Kopierern.

In Deutschland muss das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz nur noch durch den Bundesrat. Was ändert sich?Unter anderem wird voraussichtlich die getrennte Erfassung des Bioabfalls vorgeschrieben. Derzeit haben nur etwa 50 Prozent der Bürger eine Biotonne. Wenn wir Kartoffelschalen und Möhrenstrapse einfach in den Restmüll werfen, landen sie am Ende in der Müllverbrennung. Dabei lassen sie sich in Biogasanlagen vergären. So kann in Blockheizkraftwerken Strom und Wärme produziert werden – und das CO2-neutral.

Aber dabei bleibt doch auch noch was übrig.

Ja, aber die Reste aus der Biogasanlage können Landwirte und Hobbygärtner als Dünger verwenden. Das ist besser als Torf, dessen Abbau wiederum viel CO2 freisetzt und Naturgebiete zerstört.

Was ändert sich noch?

Die gelbe Wertstofftonne wird kommen. Da dürfen zusätzlich zu den Verpackungen mit dem Grünen Punkt auch andere verwertbare Materialien hineingeworfen werden, etwa Kinderspielzeug, Schüsseln oder Handwerksbedarf.

>> Öko-Institut: www.oeko.de

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