Gesunder Stoffwechsel

Gesunder Stoffwechsel

Veröffentlicht am 15. Dez, 2010 von CTM-Redaktion in Allgemein, Investments, Technologien

Was ist das Kyoto-Protokoll eigentlich? Wie funktioniert der CO2-Markt? Und dürfen Firmen aus Emissionszertifikaten überhaupt Profit schlagen?


Das Kyoto-Protokoll ist etwas Einzigartiges. So etwas hat es noch nie gegeben in der Geschichte der Menschheit. Die Weltgemeinschaft hat sich zusammengetan, um für die nächsten Generationen das Klima und damit die Biosphäre möglichst so zu erhalten, wie sie jetzt ist. Um die fortschreitende globale Erderwärmung zu stoppen, müssen die Treibhausgas-Emissionen weltweit gesenkt werden. Gase kennen keine Grenzen. Sie verteilen sich in wenigen Tagen rund um die Welt.

Kohlenstoffdioxid (CO2) ist das wichtigste Treibhausgas, und das Kyoto-Protokoll die Grundlage des internationalen CO2-Markts. Es sieht drei Instrumente vor, den Ausstoß von Treibhausgasen, allen voran von CO2, zu senken: den Emissionshandel, Joint Implementation (JI)1) und den Clean Development Mechanism (CDM). Auf einen einheitlichen internationalen CO2-Handel hat man sich bisher allerdings nicht einigen können. Die damit einhergehende Begrenzung der Emissionen bei gleichzeitiger Kontrolle der Einhaltung wollen Amerika und die großen Schwellenländer nicht mittragen.

Beim Emissionshandel unterscheidet man den Handel zwischen Staaten, welcher im Kyoto-Protokoll festgelegt wurde vom Emissionshandel zwischen Firmen, der in der Europäischen Union (EU), der Schweiz und an der amerikanischen Ostküste stattfindet. Außerdem haben unter anderem Mexiko, Australien, Japan, Südkorea, China und mehrere Regionen Nordamerikas angekündigt, regionale Handelssysteme aufzubauen. Die Unternehmen werden dabei direkt in die Pflicht genommen.  Der jeweilige Staat vergibt kostenlos oder versteigert an alle am Emissionshandel teilnehmenden Firmen pro Jahr eine festgelegte Menge Emissionszertifikate. Ein Emissionsrecht berechtigt zum Ausstoß einer Tonne CO2 beziehungsweise einer Tonne CO2-Äquivalente. Allein in Europa gibt es rund 12.000 Unternehmen, die direkte Treibhausgas-Senkungs-Ziele haben. Die Verbindung des regionalen Emissionshandelssystems mit dem Kyoto-Protokoll besteht darin, dass sich Unternehmen Reduktionszertifikate aus JI- und CDM-Projekten anerkennen lassen können.
Unternehmen haben die Wahl:

  1. Sie können gar nichts tun, und 100 Euro/Tonne Strafe zahlen (das ist mehr als das Fünffache des aktuellen Börsenwerts von CO2), für jede Tonne, die sie zu viel emittieren. 
  2. Sie können selbst Emissionen senken und modernisieren. Dies ist aber oft sehr teuer. Viele Firmen können sich das nicht leisten.
  3. Sie können innerhalb des regionalen CO2-Handelssystem Emissionsrechte kaufen von Firmen, die es geschafft haben, weniger zu emittieren, als ihre Vorgabe ist. Das ist volkswirtschaftlich gesehen kein Freikaufen, sondern Teil eines effizienten Marktes, der entsteht, wenn Emissionen einen Preis bekommen.
  4. Die Unternehmen können auch in Schwellen- und Entwicklungsländern zur Vermeidung von CO2-Emissionen beitragen und sich dies als Guthaben anschreiben lassen. Sie kaufen dann im Rahmen des CDM so genannte Certified Emission Reductions (CER).

Das Kyoto-Protokoll steht vor allem für eine freiwillige, massive Verlagerung von Kapital und Technologie von reichen in ärmere Länder: Die reichen Länder (leider mit Ausnahme der USA) haben sich freiwillig verpflichtet, ihre Emissionen zu senken. Ärmere Länder (ja, auch China ist noch ein Schwellenland) können dadurch großflächig saubere Technologien einführen.

Ist das Ablasshandel?
Durch die Realisierung von konkreten Klimaschutzprojekten in Ländern ohne Reduktionsverpflichtung können verpflichtete Länder und Unternehmen ihre Emissionen senken. Diese Rechte, kurz CER, werden von einem UN-Gremium in Deutschland vergeben und streng kontrolliert. Allein über den CDM wurden bisher 432.000.000 Tonnen CO2 eingespart, aus über 1.800 Projekten in aller Welt. 

In der Presse wird dies oft als Freikaufen oder Ablasshandel abgetan,  aber in Wirklichkeit ist das global gesehen extrem nützlich. Denn nur so wird sichergestellt, dass mit dem für Klimaschutz eingesetzten Kapital das höchst mögliche Ergebnis in Sachen Treibhausgas-Senkung erreicht wird.

Denn was ist effektiver? Einen Euro hier in Deutschland für die Effizienzsteigerung  eines Kraftwerks mit einem ohnehin schon sehr hohen Wirkungsgrad von über 30 Prozent zu verwenden. Oder diesen Euro in einem Schwellenland zu investieren, in dem der Wirkungsgrad von Kraftwerken weniger als die Hälfte davon beträgt. In den Schwellenländern können mit dem gleichen Betrag zwei- bis dreimal so viel Emissionen gesenkt werden wie hierzulande.

Hinzu kommt, dass in den Schwellenländern derzeit massiv in neue Anlagen investiert wird. Wenn dort Dreckschleudern gebaut werden, müssen wir und die folgende Generation für 30 bis 40 Jahre mit diesen Verschmutzern leben. Stellt man jetzt Geld für saubere Investitionen zur Verfügung, durchbricht man den Zyklus.

So soll es nicht sein
Manchmal wird der CDM aber auch überstrapaziert, wie bei einigen Projekten mit fluorierten Kohlenwasserstoffen (HFC 23). Für das Neutralisieren von einer Tonne HFC 23 können bis zu 10.000 CER generiert werden, was aktuell einem Wert von rund 100.000 Euro entspricht. Das Absurde daran: Es ist schlichtweg zu  lohnenswert, HFC 23 zu entsorgen. Im Gegenteil, es lohnt sich sogar, es zunächst zu produzieren, nur um hinterher die Emissionen senken zu können. Das ist nicht nur wirtschaftlich völliger Unsinn, sondern auch eine Perversion des CDM. Zum Glück sollen diese Hochprozenter bald aus dem System ausgeschlossen werden.

Starkes System mit kleinen Schwächen
Ganz ohne Fehler geht es aber auch in Europa nicht. In der Warmlauf-Phase  des  europäischen Handelssystems (ETS) sind durchaus einige Skurrilitäten aufgetreten. Das ist auch nicht verwunderlich. Denn um zu ermitteln, welches Land wie viel Treibhausgase emittiert, und um dann die Emissionen Schritt für Schritt zu senken, muss man in Jahrzehnten und nicht in wenigen Jahren denken. Mit viel Mut zur Lücke wurde daher in Europa als allererster Schritt ein System eingeführt, bei dem die beteiligten Firmen und Länder selbst ihre Emissionen eingeschätzt beziehungsweise gemessen haben. Auf dieser Basis wurden dann entsprechende Sparziele für jedes Land ausgegeben. Leider haben einige Länder etwas sehr tief gestapelt, weil sie einen Wettbewerbsnachteil mit starken Nachbarn wie Deutschland fürchteten.

Von 2005 bis 2007 gab es eine Test-Phase des ETS. Fehler dieser Phase (der CO2-Preis ging beispielsweise zum Ende der Phase gegen Null; damit wurden Emissionssenkungen quasi wertlos) wurden für die folgenden Phasen vermieden. Trotzdem hat man sich für die aktuelle Phase (2008 bis 2012) auf ein System geeinigt, bei dem jedes Land und beteiligte Firma ein gewisses Kontingent an Verschmutzungsrechten kostenlos bekommt. Allerdings nur so viel, dass sie bei einem Business-as-usual-Szenario gezwungen sind, Emissionssenkungen von 5 Prozent vorzunehmen.     

Leider liefen wir mitten in dieser Periode in eine der größten Finanzkrisen aller Zeiten. Viele Firmen haben daher in der Krise weniger Verschmutzungsrechte gebraucht, als ursprünglich gedacht. Denn weniger Produktion bedeutet vereinfacht ausgedrückt niedrigerer Stromverbrauch und damit weniger Emissionen. Dadurch sind zwei sich gegenseitig verstärkende negative Effekte eingetreten:

  1. Die Firmen haben die Verschmutzungsrechte verkauft, die sie aufgrund der krisenbedingten Emissionssenkungen nicht brauchten. Da sich die 5 Prozent Emissionssenkung schon automatisch durch die Krise ergeben haben, haben die Firmen mit Verschmutzungsrechten zusätzlich Geld zu verdienen.
  2. Darüber hinaus haben Unternehmen angefangen, Verschmutzungsrechte spekulativ zu verkaufen, um Geld zum Überleben in der Krise zu gewinnen.   Allerdings müssen solche spekulativen Verkäufe später wieder ausgeglichen werden und sorgen nur sehr kurzfristig für mehr Liquidität. Sobald die Wirtschaft und damit der mit der Produktion einhergehende CO2-Ausstoß wieder steigen, brauchen die Unternehmen ihre Verschmutzungsrechte wieder zurück.

Es wird teuer
Das hier beschriebene Problem löst sich in der kommenden Handelsperiode (2012 bis 2020) von allein. Denn künftig wird es teuer: Vor allem große Verschmutzer wie Stromfirmen müssen die Emissionsrechte dann ersteigern. Nur wenige bekommen noch kostenlose Verschmutzungsrechte. Der Preis für CO2 selbst wird vermutlich auch deutlich steigen, allerdings gehen die Meinungen der großen Händler und Banken weit auseinander: von  17 Euro/Tonne in 2020 bis zu 85 Euro/Tonne ist alles vertreten. Der steigende Preis wird die Wirtschaft immer stärker zum Klimaschutz drängen.

1)    Anmerkung des Verfassers:  Der Joint Implementation (JI-) Markt wird in diesem Beitrag aus Gründen der Komplexität nicht erwähnt, zumal die EU-Kommission plant, JI-Projekte zu Gunsten von neuen Emissionshandelssystemen aufzugeben.

Autor: Richard Focken, Investment Manager & Carbon Market Advisor von MAMA Sustainable Incubation

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