Die Welt im Wasserstress

Die Welt im Wasserstress

Veröffentlicht am 15. Jun, 2010 von CTM-Redaktion in Technologien

Ohne Wasser ist Leben nicht denkbar. Wirtschaft auch nicht. Steht uns bald das Wasser bis zum Hals?

Die Welt hat Durst und braucht immer mehr Wasser, um ihn zu stillen. Die Versorgung mit Trinkwasser, so viel ist klar, ist eine der Schlüsselaufgaben des 21. Jahrhunderts. Rund um das Wasser und seine Aufbereitung hat sich bereits ein Milliardenmarkt entwickelt. Die Wasserwirtschaft unterscheidet sich allerdings in mehrfacher Hinsicht von anderen Märkten: Erstens bleibt das Angebot immer gleich. Die Menge an Wasser auf der Erde verändert sich nicht. Nur die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser und der Zugang zu sanitären Anlagen variiert. Und Zweitens ist Wasser für quasi alle Organismen auf der Erde überlebensnotwendig; das Gut Wasser ist nicht substituierbar. Das ist ein wesentlicher Unterscheid zu den meisten anderen Wirtschaftsgütern.

Das Angebot sinkt
Wasserknappheit und -mangel wird vielerorts durch Verschwendung und Verschmutzung verursacht oder zumindest vergrößert. So liegen die Sicker- und Leitungsverluste sowohl in der öffentlichen Wasserversorgung als auch in der
Bewässerungslandwirtschaft zum Teil bei weit über 50 Prozent, auch in Industriestaaten. Durch mangelnde Klärung der Abwässer aus Industrieanlagen und privaten Haushalten sind große Teile des Oberflächenwassers in vielen Ländern verschmutzt. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) fließen mehr als 80 Prozent der Abwässer in Entwicklungs- und Schwellenländern ungeklärt in Seen, Flüsse oder das Meer. In China ist die Qualität von über 70 Prozent des Wassers in den wichtigsten Flusssystemen des Landes zu schlecht für den menschlichen Verzehr.
Ein wesentlicher angebotsseitiger Grund für Wassermangel liegt in den klimatischen Verhältnissen. Die Menge an Oberflächenwasser hängt von den Niederschlägen ab, die wiederum saisonal und regional unterschiedlich verteilt sind. Ein bekanntes Beispiel ist Indien, wo in bestimmten Regionen über 90 Prozent der Jahresniederschläge während des Sommermonsuns fallen. Im Rest des Jahres leiden große Landesteile unter Trockenheit und Hitze.

Die Nachfrage steigt
Auf das begrenzte Angebot trifft eine steigende Nachfrage: Die Weltbevölkerung wird bis zum Jahr 2050 um rund 2,5 Milliarden Menschen wachsen. Dadurch steigt die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, Energie sowie nach Konsumgütern und Dienstleistungen aller Art. Dies bedeutet auch eine steigende Nachfrage nach Wasser.
Der größte Teil des erwarteten Anstiegs der Wassernachfrage dürfte auf die Entwicklungs- und Schwellenländer entfallen, denn 90 Prozent des bis 2050 erwarteten Bevölkerungswachstums wird dort stattfinden. Mehr Menschen benötigen nicht nur mehr Trinkwasser, sondern auch mehr Nahrungsmittel. Um die Erträge in der Landwirtschaft zu erhöhen, wird die Bewässerungslandwirtschaft daher weiter an Bedeutung gewinnen; zudem dürften die Schadstoffeinträge ins Grundwasser durch den ineffizienten Einsatz von Pestiziden und Düngungsmitteln in vielen Ländern steigen. Auch die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten der Menschen – mehr Fleisch und andere tierische Erzeugnisse – tragen zum steigenden Wasserverbrauch bei. Die Fleischproduktion verbraucht laut UN acht- bis zehnmal mehr Wasser als die entsprechende Produktion von Getreide.
Ein weiterer Grund für den steigenden Wasserverbrauch liegt in der zunehmenden Urbanisierung, die in der Regel mit einem höheren Lebensstandard und Wasserverbrauch verbunden ist. Nach UN-Schätzungen
wird sich die städtische Bevölkerung in Afrika und Asien zwischen 2000 und 2030 in etwa verdoppeln. Insgesamt entfallen 95 Prozent der Zunahme auf Städte in Entwicklungs- und Schwellenländern, weshalb hier die Probleme mit der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung besonders massiv auftreten dürften.
Auch der wachsende Energiehunger der Menschheit erhöht den Wasserverbrauch: Hier spielt die Kühlung von Kraftwerken eine Rolle, aber natürlich auch die Wasserkraft an sich. Zudem werden Bioenergien immer bedeutender. Bereits auf 2 Prozent der künstlich bewässerten landwirtschaftlichen Fläche werden Pflanzen angebaut, die für die Erzeugung von Bioenergie eingesetzt werden. Neben dem steigenden Energiebedarf trägt auch die zunehmende Industrialisierung insbesondere in den Entwicklungs- und Schwellenländern zum steigenden Wasserbedarf bei.

Keine Firma kommt ganz ohne Wasser aus
Das Fehlen von sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen ist ein existenzielles Problem, von dem viele Menschen betroffen sind. Etwa 1,5 Millionen Menschen pro Jahr sterben an Krankheiten, die auf verunreinigtes Wasser zurückzuführen sind. Inzwischen wird aber auch immer mehr Unternehmen
bewusst, dass die Wasserverfügbarkeit zu einem limitierenden Faktor für ihre wirtschaftliche Entwicklung werden kann oder sogar bereits geworden ist.
Die Bandbreite der potenziell betroffenen Branchen ist groß, denn ganz ohne Wasser kommt kein Sektor aus. Neben der Landwirtschaft zählt das Ernährungsgewerbe (inklusive Getränkeindustrie) zu den Wirtschaftszweigen, die viel und qualitativ hochwertiges Wasser benötigen. Aber auch die Energiewirtschaft, der Bergbau, die Chemie- und Pharmabranche, die Papier- und Zellstoffindustrie, das Textil- und
Bekleidungsgewerbe oder die Halbleiterindustrie brauchen viel Wasser. Der Standortfaktor „Wasserverfügbarkeit“ wird darum für viele Unternehmen in den nächsten Jahren immer wichtiger.
Auch die gesamtwirtschaftlichen Effekte von mangelnder Wasserverfügbarkeit sind groß, was bislang vor allem für die Entwicklungs- und Schwellenländer gilt. Die UN listet in ihrem Bericht „Water in a changing world“ viele Beispiele auf, in denen ausbleibende Investitionen in die Wasserverfügbarkeit das Wirtschaftswachstum verlangsamt haben. Laut UN verursacht die unzureichende Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsinfrastruktur in Afrika jährliche Kosten in Höhe von etwa 5 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Geldhahn auf
Der Investitionsbedarf in der globalen Wasserwirtschaft ist immens. Während die Industrieländer vor allem die Investitionen in den Erhalt und die Modernisierung ihrer bestehenden Wasserinfrastruktur erhöhen müssen, besteht in den Schwellenländern die große Aufgabe darin, dass der Aufbau der Infrastruktur mit dem Bevölkerungswachstum, der zunehmenden Industrialisierung und dem steigenden Bedarf der Landwirtschaft Schritt hält. In der Vergangenheit ist beides nicht gelungen: In vielen Industrieländern wurde die Wasserinfrastruktur ungenügend gewartet. Und in den ärmeren Ländern hinkt der Infrastrukturausbau
der steigenden Wassernachfrage hinterher.
Als Folge existiert ein enormer Nachholbedarf bei den Investitionen in der Wasserwirtschaft. Über deren Höhe gibt es unterschiedliche Schätzungen. Insgesamt dürfte der weltweite Investitionsbedarf im globalen Wassermarkt bei 400 bis 500 Milliarden Euro pro Jahr liegen.

Welche Technologien profitieren
Für Hersteller von Technologien rund um die Wasserwirtschaft besteht in den nächsten Jahrzehnten enormes Absatzpotenzial – im Inland und noch viel mehr im Ausland. Die Bandbreite der benötigten Technologien ist groß. Die Nachfrage nach effizienten Bewässerungstechnologien, Meerwasserentsalzungs- und Kläranlagen, technischen Ausrüstungen, wie Pumpen, Kompressoren oder Armaturen, Filteranlagen oder Desinfektionsverfahren sowie effizienten sanitären Einrichtungen dürfte besonders stark zulegen. Deutsche Unternehmen haben in vielen dieser Segmente gute Chancen und zählen technologisch zur Weltspitze.

Autor: Eric Heymann
Foto: www.free-pictures-photos.com

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