„Das könnte ein Meilenstein für die Ökostromwende werden“
Veröffentlicht am 10. Apr, 2010 von CTM-Redaktion in Interviews, Investments
Deutschland und acht weitere europäische Staaten wollen zusammen ein riesiges Ökostromnetz in der Nordsee verlegen. Kommt jetzt die Energiewende? Das Cleantech Magazin sprach mit Josef Auer, Energie-Analyst von Deutsche Bank Research.
Cleantech Magazin: Herr Auer, die Anfang Dezember 2009 gegründete „North Seas Countries Offshore Grid Initiative“ will in den kommenden zehn Jahren tausende Kilometer Hightech-Stromkabel auf dem Grund der Nordsee verlegen. Was ist daran so toll?
Josef Auer: Das könnte ein Meilenstein für die Ökostromwende werden. Man fängt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Speicherung des unberechenbaren grünen Stroms wird einfacher, weil mit dem neuen Netz auch der Zugang zu den Speicherkraftwerken in Skandinavien, Österreich und der Schweiz geschaffen wird. Außerdem bekommen die Hersteller erneuerbarer Energie mehr Planungssicherheit, dass ihr Strom auch wirklich ans Netz geht. Das gilt besonders für die Betreiber von Offshore-Windanlagen.
CTM: Aber dazu sind die Netzbetreiber doch eigentlich gesetzlich verpflichtet, oder?
Auer: Ja, die Netzbetreiber sind per Gesetz dazu verpflichtet für die Steckdose auf See zu sorgen. Dennoch gab es in der Vergangenheit Probleme bei der Umsetzung. Für eine Anschlussgarantie fordern die Betreiber oft, dass die Finanzierung des Windparks steht. Der Windpark wiederum bekommt von der Bank aber nur dann eine Finanzierung, wenn der Anschluss ans Stromnetz garantiert ist.
CTM: Ein klassisches Henne-Ei-Problem, das jetzt so gut wie gelöst ist. Was bedeutet das für die Strombranche?
Auer: Die Konkurrenz der einzelnen Stromarten untereinander wird größer. Es gibt aber kein Entweder-Oder, sondern vielmehr ein Sowohl-Als-Auch.
CTM: Aber je mehr Strom, beispielweise bei ordentlich Wind, eingespeist wird, desto billiger wird er. Da sich der Preis nach Angebot und Nachfrage richtet, wird damit auch der Kohle- und Atomstrom billiger. Werden die großen Energiekonzerne das mitmachen oder gibt es bald starken Gegenwind aus der Lobby, damit die Gewinne der Kohle- und Atommeiler nicht allzu schnell wegwehen?
Auer: Es gibt sicherlich gegensätzliche Interessen. Deshalb ist es gut, dass die Politik das Projekt koordiniert. Aber auch für die klassischen Stromriesen gilt: Nur Unternehmen, die ihre Investitionsströme in die richtige Richtung leiten, werden langfristig überleben. Der Strommix der Zukunft wird grüner sein als heute und damit wird auch der Stromproduzent der Zukunft grüner sein als heute. Die Energiewende kann nicht mehr verhindert werden. Auch durch die Presse gewinnt das Ganze immer mehr Eigendynamik. Der Druck durch die Öffentlichkeit steigt.
CTM: Das hatte man sich beim Klimagipfel in Kopenhagen auch schon so gedacht. Das Ergebnis ist allerdings nahe Null.
Auer: Das ist in diesem Fall aber anders, weil hier nicht nur Politiker eingebunden sind, sondern auch die großen Stromproduzenten mit an den Tisch geholt werden. Ein Vorteil ist auch, dass es sich um ein europäisches Projekt handelt. Damit sind die globalen Bremser wie China und die USA außen vor.
CTM: Würden sich unsere Kinder jetzt um einen Arbeitsplatz bewerben müssen, wo sollten sie ihre Unterlagen hinschicken – zu einem klassischen Stromproduzenten oder einem Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien?
Auer: Am besten an beide Adressen. Mittel- bis langfristig fallen nämlich die historisch gewachsenen und zunehmend künstlichen Grenzen zwischen beiden Segmenten. Dank der normativen Kraft des faktischen Fortschritts werden die Renewables zunehmend in unsere traditionellen Energieversorgungsstrukturen integriert.
CTM: Wie können Investoren von dieser Energiewende profitieren?
Auer: Für konkrete Anlageempfehlungen ist es noch zu früh. Schließlich startet die Initiative erst in diesem Monat mit den ersten Treffen der Arbeitsgruppen. Bis zum Herbst soll eine Absichtserklärung unterzeichnet und ein Zeitplan erarbeitet werden. Profitieren dürften aber auf jeden Fall Investments mit Schwerpunkt erneuerbare Energien. Freilich werden auch aufgeschlossene, lernwillige und mutige alte Stromelefanten zu den Gewinnern zählen, da sie rechtzeitig auf den Zug der Zeit aufspringen werden und den Wandel als Chance für künftiges nachhaltiges Wachstum begreifen.

